Altes Eckernförde

All the news that's fit to print / Est. 1872

küstenkind

Salz und Holz: Erinnerungen an die alte Seebrücke

Wenn ich heute am Strand von Eckernförde stehe und den Blick über die Bucht schweifen lasse, spüre ich noch immer das sanfte Vibrieren der alten Holzbohlen unter meinen Füßen. Die Seebrücke war nie nur ein Bauwerk aus Pfeilern und Planken; sie war das schlagende Herz unserer Küstenstadt. Ich erinnere mich an die kühlen Morgenstunden, wenn der Nebel noch schwer über der Ostsee lag und das einzige Geräusch das rhythmische Glucksen der Wellen gegen das dunkle, muschelbewachsene Holz war. Es roch nach Salz, nach altem Teer und nach der unendlichen Weite, die direkt vor unserer Haustür begann.

Für uns Einheimische war die Brücke ein stummer Zeuge unzähliger Lebensgeschichten. Hier wurden die ersten zaghaften Küsse unter dem weiten Sternenhimmel ausgetauscht, während die Angelruten der nächtlichen Fischer wie feine Antennen in die Dunkelheit ragten. Touristen flanierten mit einer Kugel Eis in der Hand und dem Wind in den Haaren bis vor an den Kopf der Brücke, um den Schiffen nachzusehen, die langsam am Horizont verschwanden. Es war ein Ort, an dem die Zeit für einen Moment stillzustehen schien, fernab vom Trubel der Cafés und Geschäfte in der Altstadt.

Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die Tage, an denen die Ostsee ihre raue Seite zeigte. Wenn der Wind aus Nordost blies und die Gischt über das Geländer peitschte, fühlte man sich auf der Brücke wie auf einem Schiff in Seenot, nur mit dem sicheren Boden der Heimat unter den Sohlen. Das Knarren des Holzes erzählte Geschichten von vergangenen Stürmen und von der Beständigkeit, die dieses Wahrzeichen ausstrahlte. Es war ein Treffpunkt der Generationen, ein gemeinsames Wohnzimmer unter freiem Himmel, das uns alle mit dem Meer verband.

Auch wenn sich das Gesicht der Brücke über die Jahre gewandelt hat und Teile weichen mussten, bleibt das Gefühl bestehen. Jedes Mal, wenn ich heute das Salz auf den Lippen schmecke, sehe ich die Silhouette der alten Brücke vor mir. Sie ist fest in unseren Erinnerungen verankert, so wie die Pfähle einst im sandigen Grund der Bucht. Sie erinnert uns daran, dass manche Orte eine Seele besitzen, die niemals ganz verschwindet, solange wir uns an das Gefühl erinnern, dort oben gestanden und in die Unendlichkeit geblickt zu haben.