Altes Eckernförde

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dichter

Worte im Wind: Eine Begegnung am Rathausmarkt

Der erste Eindruck

Wenn der herbe Geruch von Salzwasser und Räucherfisch durch die Gassen unserer Altstadt zieht, bleibe ich oft einen Moment am Rathausmarkt stehen. Dort, wo das geschäftige Treiben der Markttage auf die Beständigkeit des alten Kopfsteinpflasters trifft, begegnet man einem Mann, der unsere Stadt nicht nur bewohnte, sondern sie in Verse goss. Die Bronzebüste von Wilhelm Lehmann steht dort mit einer Gelassenheit, die mich unweigerlich an die stillen Nachmittage meiner Kindheit erinnert, als die Zeit noch langsamer zu fließen schien und die Welt hinter den Deichen endete.

Ich sehe ihn fast vor mir, wie er mit festem Schritt zum Gymnasium ging, die Aktentasche voller Korrekturen und den Kopf voller Metaphern. Lehmann war kein Mann der lauten Töne; er war ein Seher des Kleinen. Er lehrte uns, dass in einem zitternden Schilfhalm an der Ostsee oder im ersten Frost auf den Wiesen des Hinterlandes mehr Wahrheit liegt als in allen dicken Geschichtsbüchern. Für ihn war Eckernförde kein bloßer Wohnort, sondern ein Resonanzraum für seine Naturlyrik, ein Ankerplatz nach den Stürmen der Weltgeschichte.

Wo die Worte im Wind verwehen: Eine Begegnung am Rathausmarkt

Stimmen der Vergangenheit

Es ist diese besondere Verbindung zwischen dem Gelehrten und unserer rauen Küstenlandschaft, die mich heute noch rührt. Wenn ich an dem Denkmal vorbeigehe, das uns der Rotary Club geschenkt hat, streiche ich manchmal im Geiste über die Inschrift. 1882 bis 1962 – ein langes Leben, das hier seine späte Heimat fand. Es erinnert mich daran, dass Heimat nicht immer der Ort der Geburt ist, sondern der Ort, an dem man lernt, die Stille zu verstehen. Lehmann hat uns gelehrt, genau hinzusehen, die Nuancen des Grau im Winterhimmel zu schätzen und den Frühling im ersten Ruf der Möwen zu hören.

Heute eilen viele Menschen achtlos an ihm vorbei, die Einkaufstüten schwer in den Händen, das Smartphone fest im Blick. Doch für einen kurzen Augenblick, wenn das Licht der untergehenden Sonne die Bronze warm aufleuchten lässt, scheint der Dichter zu lächeln. Er weiß, dass die Schönheit unserer kleinen Stadt an der Förde zeitlos ist, genau wie ein gut gesetztes Wort. In solchen Momenten fühle ich mich tief verwurzelt in dieser Erde, die schon so viele Geschichten kommen und gehen sah, und bin dankbar für den Mann, der ihnen eine bleibende Stimme gab.