Wenn ich heute die Kieler Straße entlangschlendere und den Blick zu der markanten Fassade der Willers-Jessen-Schule hebe, ist es, als würde die Zeit für einen Moment stillstehen. Das rote Backsteinhaus steht dort wie ein alter, weiser Wächter der Stadtgeschichte. Generationen von uns Eckernförder Kindern haben hier die Welt der Buchstaben und Zahlen entdeckt. Es war mehr als nur ein Gebäude; es war der Ort, an dem der Ernst des Lebens begann, verpackt in den Geruch von frischer Tafelkreide und dem schweren, leicht süßlichen Duft des Bohnerwachses, der in den langen Fluren hing.
Ich erinnere mich noch genau an das rhythmische Klacken meiner Lederschuhe auf den Steinstufen, wenn wir morgens mit klopfendem Herzen das Portal durchschritten. Im Winter, wenn die Ostseebrise feuchtkalt durch die Gassen zog, boten die hohen Räume Schutz und eine ganz eigene Geborgenheit. Das Sonnenlicht tanzte oft in Staubkörnern durch die hohen Fenster und zeichnete goldene Muster auf die hölzernen Schulbänke, während wir mühsam die Sütterlin-Schrift oder später die lateinische Ausgangsschrift in unsere Hefte bannten. Jedes Kratzen der Feder war ein kleiner Sieg über die eigene Ungeduld.
In den Pausen verwandelte sich der Schulhof in einen Mikrokosmos voller Leben. Wir tauschten Murmeln, schmiedeten Pläne für den Nachmittag am Hafen oder liefen uns beim Fangen warm, bis die Wangen so rot leuchteten wie die Ziegelwände um uns herum. Die Lehrer wirkten in ihrer strengen Kleidung oft wie unnahbare Riesen, doch heute weiß ich, dass sie es waren, die das Fundament für so viele Lebenswege in unserer kleinen Stadt am Meer legten. Die Willers-Jessen-Schule war der Ankerpunkt unserer Kindheit.
Auch wenn die Stimmen der Kinder von damals längst verhallt sind und neue Gesichter durch die Türen gehen, bleibt die Seele des Hauses erhalten. Es sind diese Orte, die eine Stadt wie Eckernförde erst zur Heimat machen. Jedes Mal, wenn ich an der Kieler Straße vorbeikomme, höre ich für einen flüchtigen Augenblick das ferne Läuten der Schulglocke und spüre das Kribbeln im Bauch, das man nur hat, wenn die große weite Welt noch hinter einer hölzernen Klassentür und einem Stapel unbeschriebener Hefte liegt.